«Ich war meiner Tante komplett ausgeliefert»
Einladung zum Perspektivenwechsel à la «Walk a mile in their shoes»: Valerie*, 43, stammt aus der Dominikanischen Republik. Nach acht Jahren Sexarbeit gelang ihr der schrittweise Ausstieg, auch mit Unterstützung von Isla Victoria.
Ich bin in der Dominikanischen Republik aufgewachsen. Meine Eltern wanderten früh aus, mein Vater in die USA, meine Mutter nach Panama. In meinem Land ist es oft so, dass die Eltern auf der Suche nach Arbeit ins Ausland gehen und ihre Kinder zurücklassen. Meine acht Geschwister leben heute über die ganze Welt verstreut: in Italien, Puerto Rico, den USA und in der Dominikanischen Republik.
Ich wuchs bei meinen Grosseltern auf. Mein Grossvater arbeitete für einen Grossgrundbesitzer. Auf seinem Land wurden Bananen, Reis, Gemüse und Tabak angebaut. Schon als Kind half ich mit und genoss es, den ganzen Tag mit meinem Grossvater draussen zu sein. Von ihm habe ich auch gelernt, wie man Zigarren rollt. Die Schulbank habe ich nur sehr kurz gedrückt, bis zur siebten Klasse. Trotzdem: Ich hatte eine glückliche Kindheit.
Als ich älter wurde, lernte ich Pedicure und Coiffeuse. Ich besuchte Kurse in der Stadt, aber das Geld reichte nicht für einen Abschluss, allein die Kosten für die öffentlichen Verkehrsmittel waren zu hoch. Die Arbeit gefiel mir, doch die Bezahlung war bescheiden.
Mit 19 Jahren wurde ich schwanger. Ein Jahr nach der Geburt meiner Tochter kam schon mein Sohn zur Welt. Ich war alleinerziehend, verdiente nebenbei etwas mit Haareschneiden und Fusspflege und wohnte mit meinen Kindern weiterhin bei meinen Grosseltern. Als wir finanziell nicht mehr über die Runden kamen, schlug mir meine Grossmutter vor, ohne meine Kinder nach Österreich zu meiner Cousine zu gehen. Als ich dort ankam, war es eiskalt. Ich hatte schreckliches Heimweh und konnte keine Arbeit finden. Nach neun Monaten riet mir mein Grossvater, zu seiner Schwester in die Schweiz weiterzureisen.
Von da an begann eine lange Leidensgeschichte. Meine Tante und ihre beiden Töchter zwangen mich, alles für sie zu tun: putzen, auf die Kinder aufpassen, für sieben Personen kochen. Kaum war ich mit dem Haushalt fertig, schickte mich meine Tante in ihre Bar, wo ich weiter für sie schuften musste. Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich dachte immer nur: Warum sind diese Menschen so böse und schlecht, wir sind doch eine Familie?
Meine Tante war es auch, die mich zum ersten Mal in ihrer Bar aufforderte, mit einem Mann nach Hause zu gehen und mich für Sex bezahlen zu lassen. Zuerst wehrte ich mich noch. Aber schliesslich gab ich nach, um Geld nach Hause schicken zu können. Schlimmer als die Sexarbeit war für mich, dass ich meiner Tante komplett ausgeliefert war.
Sie stellte auch den Kontakt zu einem Mann her, der bereit war, mich für 30 000 Franken zu heiraten. Diese Schuld stotterte ich mit monatlichen Raten von 1000 Franken ab. Meine Tante und meine Cousinen drohten mir: Wenn ich nicht täte, was sie von mir verlangten, würden sie meinen Mann überreden, sich von mir scheiden zu lassen, und ich würde meine B-Bewilligung wieder verlieren. Ich wusste keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis.
Der Ausstieg gelang mir dann schrittweise: Isla Victoria verhalf mir zuerst zu einem Putzjob in einem Restaurant.
Dann wurde meine Grossmutter schwer krank. Ohne meine finanzielle Hilfe hätte sie die dringend benötigten Medikamente und Behandlungen nicht bezahlen können. Mein Leidensdruck wurde immer grösser. Als meine Tante und meine Cousinen mich eines Tages tätlich angriffen, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und schlug in Notwehr zurück.
Nach diesem Vorfall verliess ich die Wohnung meiner Tante. Die erste Nacht verbrachte ich in einem Park. Am nächsten Morgen ging ich zum Bahnhof, um mich zu duschen. Ich kontaktierte eine befreundete Sexarbeiterin, die mit ihrer Familie in einer Wohnung lebte. Sie konnte mich nicht bei sich aufnehmen, gab mir aber die Adresse eines Erotikklubs im Kanton Aargau.
Ich fuhr dorthin und bekam ein Zimmer. Es ging mir an diesem Ort besser als bei meiner Tante. Alles war geregelt, ich wurde zu nichts gezwungen. Meine Tante rief noch oft an, verlangte Geld, bedrohte mich, aber ich liess mich nicht mehr erpressen. Ich erfuhr noch, dass sie wegen einer Verurteilung für einige Zeit in die Dominikanische Republik zurückgekehrt war, um sich ihrer Strafe hier zu entziehen.
Finanziell war die Belastung für mich nach wie vor gross. Manchmal konnte ich die Miete, die Telefonrechnung oder die Krankenkasse nicht bezahlen, weil ich immer noch Schulden bei meinem Ehemann hatte. Befreundete Sexarbeiterinnen halfen mir hin und wieder, wenn ich in finanziellen Schwierigkeiten war. Wir kochten auch zusammen oder machten uns gegenseitig die Haare. Das gab mir Halt.
Doch dann starb meine Grossmutter, und plötzlich war da nur noch tiefe Trauer. Damals arbeitete ich im Massagesalon einer Freundin. Isla Victoria führte dort Gesundheitstests durch und verteilte Kondome. Die Beraterinnen sahen, dass es mir psychisch schlecht ging. Ich benötigte eine Krisenintervention, zuerst in einer psychiatrischen Klinik hier, anschliessend in der Dominikanischen Republik. Nur mein Grossvater und meine beste Freundin wussten Bescheid. Meine Bezugsperson bei Isla Victoria wurde zu meinem Rettungsanker.
Isla Victoria unterstützte mich auch, als ich aus der Sexarbeit aussteigen wollte und eine Bleibe suchte. Bis dahin war ich mit Unterbrechungen acht Jahre lang als Sexarbeiterin tätig gewesen. Zwischendurch hatte ich einen kleinen Nebenverdienst als Coiffeuse. Das Geld reichte aber bei Weitem nicht aus, und ich musste immer noch anschaffen.
Der Ausstieg gelang mir dann langsam und schrittweise: Isla Victoria verhalf mir zu einem Putzjob in einem Restaurant. Dann fanden sie noch ein weiteres Lokal, in dem ich die Reinigungsarbeiten übernehmen konnte. Eine andere Organisation vermittelte mir zwei Privatwohnungen. Schliesslich bekam ich wiederum dank der Hilfe von Isla Victoria eine 40-Prozent-Stelle bei dem Arbeitgeber, für den ich nun seit drei Jahren Vollzeit Treppenhäuser putze und Gartenarbeiten erledige. Er hat mir vorbehaltlos eine Chance gegeben und mich nie nach meiner Vergangenheit gefragt. Inzwischen feiere ich sogar Weihnachten mit seiner Familie.
Heute sage ich immer: Was ich erreicht habe, können andere mit der richtigen Unterstützung und etwas Glück auch erreichen. Ich habe eine schöne Wohnung mit vielen Pflanzen, die mir guttun. In meiner Freizeit koche ich gerne und entwerfe Schmuck. Diese Handarbeiten helfen mir auch, wenn es mir psychisch mal nicht so gut geht. In der Dominikanischen Republik konnte ich ein kleines Haus kaufen, in dem meine Kinder mit meinem 83-jährigen Grossvater leben, der inzwischen erblindet ist. Meine 24-jährige Tochter studiert, mein 23-jähriger Sohn ist noch auf der Suche. Ich telefoniere täglich mit meiner Familie. Mein Grossvater sagt meinen Kindern immer, sie sollen die Kamera einschalten, obwohl er mich nicht mehr sehen kann. Wenn ich hier bin, vermisse ich sie. Wenn ich dort bin, fehlt mir mein Leben hier.
*Name geändert; Fotos: Damaris Betancourt